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WICHTEL
Du wohnst in meinem Herzen

Der Glühwürmchensee
Noch bevor Solini den letzten Sonnenstrahl des Abends zwischen den Baumwipfeln verschwinden sah, hörte sie jemanden durch den Wichtelwald flitzen. „Solini! Solini! Du musst sofort mitkommen! Sofort!“ Sie brauchte sich gar nicht umzudrehen. So klang nur Solinu, wenn er etwas entdeckt hatte, das selbst für einen Augenblickswichtel neu war. „Ist der Himmel heruntergefallen?“ „Nein! Viel, viel besser! Komm schon!“
Mit leuchtenden Augen sprang er von Stein zu Stein, schlüpfte unter Farnen hindurch und blieb erst stehen, als sich der Wald plötzlich öffnete. Vor ihnen lag ein kleiner See. Das Wasser war so still, dass es aussah wie flüssiges Glas.
Die letzten goldenen Sonnenstrahlen glitzerten auf seiner Oberfläche, bis die Dämmerung den Himmel langsam in weiche Blautöne tauchte.

Genau in diesem Augenblick begann das eigentliche Wunder. Erst leuchtete ein winziger Punkt über dem Schilf. Dann noch einer. Und noch einer.
Wenige Herzschläge später tanzten Hunderte kleiner Glühwürmchen über dem Wasser.
Manche schwebten dicht über der Oberfläche, andere stiegen langsam in die warme Abendluft empor. Ihre Lichter spiegelten sich im See, sodass es aussah, als würden selbst unter Wasser kleine Sterne funkeln.
Solini hielt den Atem an. „Solinu …“ Mehr brachte sie nicht heraus. Der kleine Augenblickswichtel lächelte. „Heute war ich bei Flo. Bis zu seiner Einschulung durfte ich ihm jeden Tag einen Brief schreiben. Als er heute meinen letzten Brief gelesen hatte, schaute er sich einen Moment um und sagte ganz leise: „Lieber Solinu, ich weiß, dass ich dich nicht sehen darf. Das muss auch so bleiben, damit du deine Magie behältst. Aber ich glaube trotzdem, dass du gerade hier bist. Und wenn das stimmt, dann möchte ich dir meinen allerliebsten Ort zeigen. Das ist mein Dankeschön für dich. Komm einfach mit.“
Dann lief er los. Immer wieder blieb er stehen und erzählte von diesem See, von den Glühwürmchen und davon, wie glücklich ihn dieser Ort macht. Natürlich konnte er mich gar nicht sehen. Aber weißt du was? Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass er ganz genau wusste, dass ich hinter ihm herhüpfte.
Solini ließ ihren Blick über das glitzernde Wasser schweifen. „Jetzt verstehe ich.“ „Was denn?“, fragte Solinu. „Warum dieser See so besonders ist.“ Sie schwiegen einen Moment und sahen den Glühwürmchen zu, die über das Wasser tanzten. „Ich glaube“, sagte Solini leise, „hier finden wir Antworten auf die schwierigsten Fragen.“ Solinu nickte. „Dann kommen wir immer hierher, wenn ein Kind uns etwas fragt, worüber selbst Augenblickswichtel erst einmal nachdenken müssen.“
Und während über ihnen die ersten Sterne am Himmel erschienen, wussten Solini und Solinu, dass sie immer wieder hierher zurückkehren würden. Immer dann, wenn ein Kind ihnen eine Frage stellte, auf die selbst Augenblickswichtel nicht sofort eine Antwort fanden.

Wie reich ihre Welt geworden ist
Eine ganze Weile saßen Solini und Solinu einfach nur am Ufer des Glühwürmchensees. Keiner von beiden hatte es eilig, etwas zu sagen. Manchmal schien es, als würden die Glühwürmchen ihre kleinen Lichter genauso langsam durch die Abendluft tragen, wie Gedanken Zeit brauchen, bis sie sich zeigen.
Schließlich lächelte Solini. „Weißt du noch, wie wir früher dachten, der Wichtelwald wäre die ganze Welt?“ Solinu nickte nachdenklich. „Dabei fing unsere Welt gerade erst an.“ Sein Blick glitt über den See, in dem sich die ersten Sterne spiegelten. „Früher kannten wir jeden Baum und jeden Weg im Wichtelwald“, sagte er leise. „Heute kennen wir so viele Kinder. Mit jedem von ihnen ist unsere Welt ein kleines Stück größer geworden.“ Solini nickte. „Und jedes zeigt uns etwas Neues.“ „Nicht nur Lieblingsorte“, ergänzte Solinu. „Auch Ideen, Träume und Fragen, auf die ich allein niemals gekommen wäre.“ Eine Weile dachten beide darüber nach. Es war ein schöner Gedanke, dass jedes Kind etwas ganz Eigenes mitbrachte. Kein Abenteuer glich dem anderen. Keine Frage war wie die vorherige. Und genau deshalb fühlte sich jede Reise an wie der Anfang einer neuen Geschichte.
„Und jedes Kind ist anders“, sagte Solini schließlich. „Zum Glück“, antwortete Solinu lächelnd. „Stell dir mal vor, alle würden dieselben Fragen stellen.“ Solini lachte. „Dann wären wir bestimmt die ersten Augenblickswichtel, denen langweilig würde.“ „Das schaffen Kinder niemals“, sagte Solinu überzeugt.
Sie lächelten sich an und schwiegen wieder. Vor ihnen tanzten die Glühwürmchen über dem Wasser, als wollten sie die beiden daran erinnern, wie viele kleine Wunder sie schon gemeinsam entdecken durften.

der kleine brief mit der grossen frage
Das Wasser lag ruhig da, als würde es jedes Licht der Glühwürmchen behutsam bewahren. Über ihnen zogen die kleinen Lichter lautlos durch die Dämmerung und spiegelten sich auf der glatten Oberfläche des Sees. Solinu ließ seinen Blick durch die Abenddämmerung wandern und lächelte.
„Flo hat mir nicht nur den Glühwürmchensee gezeigt.“ Solini sah ihn neugierig an. „Bevor er nach Hause gegangen ist, blieb er noch einmal an der großen Wurzel dort drüben stehen. „Falls dir der Glühwürmchensee genauso gut gefällt wie mir“, hat er gesagt, „liegt dort noch etwas für dich.“ Behutsam griff Solinu in die Tasche seiner kleinen Wichteljacke und zog einen sorgfältig zusammengefalteten Brief hervor. „Dort habe ich ihn gefunden.“ Mit den Fingerspitzen strich er die kleinen Falten glatt, als wäre der Brief selbst ein kleiner Schatz. Dann öffnete er ihn und las leise vor: „Lieber Solinu, sind wir jetzt eigentlich ganz dicke Freunde fürs Leben?“ Mehr hatte Flo nicht geschrieben.
Nur diesen einen Satz. Eine ganze Weile schwiegen die beiden. Solinu betrachtete den kleinen Brief in seinen Händen, als könnte sich die Antwort irgendwo zwischen den Zeilen verstecken. Schließlich faltete er ihn wieder sorgfältig zusammen.
„Seit ich ihn gelesen habe, denke ich die ganze Zeit darüber nach.“ Er schaute zu Solini hinüber. „Das ist eine richtig große Frage.“ Einen Moment war nur das leise Summen der Glühwürmchen zu hören. Dann lächelte Solinu. „Sag mal, Solini … wir Augenblickswichtel sprechen so oft von Freundschaft.“ Er machte eine kleine Pause.
„Aber was ist Freundschaft eigentlich? Wie erklärt man sie richtig gut?“

Was Freundschaft bedeutet
Solini zog die Beine an und legte das Kinn auf die Knie. Eine ganze Weile beobachteten die beiden schweigend die Glühwürmchen. Manche schwebten so dicht über dem Wasser, dass ihre kleinen Lichter darin ein zweites Mal aufleuchteten. Es war, als würden selbst sie über Flos Frage nachdenken.
„Vielleicht“, sagte Solini schließlich, „ist Freundschaft einfach, dass man ganz viel Zeit miteinander verbringt.“ Solinu schüttelte langsam den Kopf. „Dann könnten wir mit den meisten Kindern gar nicht befreundet sein.“
„Stimmt“, sagte Solini lächelnd. „Das kann es also nicht sein.“ Wieder wurde es still. Irgendwo am anderen Ufer hüpfte ein Frosch ins Wasser. Kleine Kreise breiteten sich aus und verschwanden zwischen den Spiegelbildern der Glühwürmchen. „Vielleicht bedeutet Freundschaft, dass man dieselben Dinge mag“, überlegte Solinu. Solini musste lachen. „Du würdest am liebsten jeden Tag Pilze sammeln. Ich laufe viel lieber über Blumenwiesen.“ „Und Flo liebt Fußball. Bis heute verstehe ich nicht, warum alle immer hinter demselben Ball herrennen.“ „Und trotzdem magst du ihn.“ „Sehr sogar.“ Sie lächelten. Nach einer Weile sagte Solini: „Vielleicht ist Freundschaft, dass man sich immer einig ist.“
„Nein“, antwortete Solinu diesmal sofort. „Du findest Himbeeren viel leckerer als Erdbeeren.“ „Das stimmt.“ „Und trotzdem bist du meine allerbeste Freundin.“ Jetzt mussten beide lachen. So sehr, dass ihre kleinen Wichtelohren fröhlich auf und ab wackelten. Auf einmal schien es, als hätten die beiden einen verborgenen Wichtelschatz entdeckt.

Kaum hatte einer einen Gedanken ausgesprochen, fiel dem anderen schon der nächste ein. „Freundschaft ist, wenn man sich freut, den anderen wiederzusehen.“
„Wenn man etwas Schönes erlebt und sofort denkt: Das muss ich unbedingt erzählen!“
„Wenn einer traurig ist und der andere einfach dableibt.“ „Wenn man zusammen lacht.“ „Oder zusammen mutig wird.“ „Wenn man zuhört.“
„Wenn man Geheimnisse anvertraut.“
„Wenn man sich streitet und sich trotzdem wieder verträgt.“ „Wenn man sich entschuldigt.“
„Und verzeiht.“
„Wenn man dem anderen Glück wünscht.“
„Einfach so!“ „Wenn man sich gegenseitig hilft.“
„Wenn man den anderen vermisst.“
„Wenn man aneinander denkt, obwohl viele Wälder zwischen einem liegen.“ „Wenn man sich freut, dass es den anderen gibt.“ „Und wenn man weiß, dass man nie ganz allein ist.“
Die Gedanken sprudelten nur so aus ihnen heraus. Vor lauter Begeisterung wackelten ihre kleinen Wichtelohren hin und her, und zwischen jedem Lachen schien eine neue Antwort auf Flos große Frage zu wachsen. Ohne es zu merken, hatten sie etwas Wunderbares entdeckt. Freundschaft bestand aus vielen kleinen Augenblicken. Aus einem offenen Ohr, einem fröhlichen Lachen, einer helfenden Hand, gemeinsamem Mut und aus dem warmen Gefühl, dass jemand an einen denkt, selbst wenn viele Wälder, Wiesen oder sogar ganze Länder zwischen ihnen liegen. Jeder einzelne dieser Augenblicke war klein. Doch zusammen wurden sie zu etwas so Großem, dass sie einen festen Platz im Herzen fanden. Erst als den beiden keine neue Idee mehr einfiel, wurde es wieder still. Die Glühwürmchen tanzten noch immer über dem See, als hätten sie geduldig auf genau diesen Augenblick gewartet. Solini lächelte.
„Weißt du, was ich glaube?“ Solinu nickte. „Ich glaube, jetzt wissen wir, wie wir Flo antworten können.“

Die Antwort
Eine ganze Weile saßen Solini und Solinu einfach nur da. Der Glühwürmchensee war still geworden. Nur hin und wieder zog ein Glühwürmchen einen leuchtenden Bogen über das Wasser. Seine kleinen Lichter spiegelten sich auf der glatten Oberfläche, als würde der See jeden einzelnen Augenblick für einen Moment festhalten. Schließlich lächelte Solini.
„Ich glaube, Flo wartet schon auf unsere Antwort.“ Solinu nickte. Vorsichtig faltete er den kleinen Brief auseinander, drehte ihn um und holte seinen Wichtelstift aus der Jackentasche. „Dann schreiben wir sie gemeinsam.“
Eine Weile dachten beide noch nach. Obwohl sie eben noch so viele Gedanken gesammelt hatten, sollte jetzt jedes Wort genau das sagen, was sie fühlten. Dann begann Solinu zu schreiben, während Solini aufmerksam mitlas.
Lieber Flo,
ich habe lange über deine Frage nachgedacht. Meine beste Wichtelfreundin Solini hat mir zum Glück dabei geholfen.
Freundschaft lässt sich nämlich gar nicht mit einem einzigen Satz erklären. Sie beginnt jedes Mal, wenn man sich freut, dass es den anderen gibt. Wenn man zusammen lacht, sich gegenseitig Mut macht, aneinander denkt und sich wünscht, dass es dem anderen gut geht.
Und weißt du was? Dafür muss man nicht jeden Tag zusammen sein. Deshalb lautet meine Antwort: Ja. Wir sind Freunde.
Denn du wohnst in meinem Herzen.
Dein Augenblickswichtel Solinu

Als Solinu den Brief ein letztes Mal gelesen hatte, lächelten beide zufrieden. Behutsam legten sie ihn unter die große Wurzel am Ufer, genau dorthin, wo Flo seinen Brief für Solinu versteckt hatte. Danach machten sie sich auf den Heimweg. Manchmal gibt es Augenblicke, die keine Worte mehr brauchen.
Am nächsten Abend führte sie ihr erster Weg wieder zum Glühwürmchensee. Die beiden setzten sich auf ihren Baumstamm und warteten. Es dauerte nicht lange, bis zwischen den Bäumen Flo erschien. Langsam ging er zur großen Wurzel, kniete sich hin und hob vorsichtig den kleinen Brief auf. Noch bevor er ihn öffnete, lächelte er, als hätte er gehofft, genau dort etwas zu finden.
Während er las, wurde sein Lächeln immer größer. Als er den Brief zu Ende gelesen hatte, legte er eine Hand auf sein Herz.
„Danke“, flüsterte er.
Dann blickte er über den Glühwürmchensee.
„Bis bald, Solini und Solinu.“
Natürlich konnte Flo die beiden Augenblickswichtel nicht sehen. Aber manchmal braucht Freundschaft gar keine Augen, um zu sehen.
Solini und Solinu lächelten.
„Bis bald, Flo“, flüsterte Solinu.
„Bis bald“, sagte Solini leise.
Über ihnen stiegen die Glühwürmchen langsam in den Abendhimmel. Ihre kleinen Lichter tanzten über dem See und spiegelten sich im Wasser, bis niemand mehr sagen konnte, wo der Himmel endete und der Glühwürmchensee begann.

Du wohnst in meinem Herzen

Der Glühwürmchensee
Noch bevor Solini den letzten Sonnenstrahl des Abends zwischen den Baumwipfeln verschwinden sah, hörte sie jemanden durch den Wichtelwald flitzen. „Solini! Solini! Du musst sofort mitkommen! Sofort!“ Sie brauchte sich gar nicht umzudrehen. So klang nur Solinu, wenn er etwas entdeckt hatte, das selbst für einen Augenblickswichtel neu war. „Ist der Himmel heruntergefallen?“ „Nein! Viel, viel besser! Komm schon!“
Mit leuchtenden Augen sprang er von Stein zu Stein, schlüpfte unter Farnen hindurch und blieb erst stehen, als sich der Wald plötzlich öffnete. Vor ihnen lag ein kleiner See. Das Wasser war so still, dass es aussah wie flüssiges Glas.
Die letzten goldenen Sonnenstrahlen glitzerten auf seiner Oberfläche, bis die Dämmerung den Himmel langsam in weiche Blautöne tauchte.

Genau in diesem Augenblick begann das eigentliche Wunder. Erst leuchtete ein winziger Punkt über dem Schilf. Dann noch einer. Und noch einer.
Wenige Herzschläge später tanzten Hunderte kleiner Glühwürmchen über dem Wasser.
Manche schwebten dicht über der Oberfläche, andere stiegen langsam in die warme Abendluft empor. Ihre Lichter spiegelten sich im See, sodass es aussah, als würden selbst unter Wasser kleine Sterne funkeln.
Solini hielt den Atem an. „Solinu …“ Mehr brachte sie nicht heraus. Der kleine Augenblickswichtel lächelte. „Heute war ich bei Flo. Bis zu seiner Einschulung durfte ich ihm jeden Tag einen Brief schreiben. Als er heute meinen letzten Brief gelesen hatte, schaute er sich einen Moment um und sagte ganz leise: „Lieber Solinu, ich weiß, dass ich dich nicht sehen darf. Das muss auch so bleiben, damit du deine Magie behältst. Aber ich glaube trotzdem, dass du gerade hier bist. Und wenn das stimmt, dann möchte ich dir meinen allerliebsten Ort zeigen. Das ist mein Dankeschön für dich. Komm einfach mit.“
Dann lief er los. Immer wieder blieb er stehen und erzählte von diesem See, von den Glühwürmchen und davon, wie glücklich ihn dieser Ort macht. Natürlich konnte er mich gar nicht sehen. Aber weißt du was? Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass er ganz genau wusste, dass ich hinter ihm herhüpfte.
Solini ließ ihren Blick über das glitzernde Wasser schweifen. „Jetzt verstehe ich.“ „Was denn?“, fragte Solinu. „Warum dieser See so besonders ist.“ Sie schwiegen einen Moment und sahen den Glühwürmchen zu, die über das Wasser tanzten. „Ich glaube“, sagte Solini leise, „hier finden wir Antworten auf die schwierigsten Fragen.“ Solinu nickte. „Dann kommen wir immer hierher, wenn ein Kind uns etwas fragt, worüber selbst Augenblickswichtel erst einmal nachdenken müssen.“
Und während über ihnen die ersten Sterne am Himmel erschienen, wussten Solini und Solinu, dass sie immer wieder hierher zurückkehren würden. Immer dann, wenn ein Kind ihnen eine Frage stellte, auf die selbst Augenblickswichtel nicht sofort eine Antwort fanden.

Wie reich ihre Welt geworden ist
Eine ganze Weile saßen Solini und Solinu einfach nur am Ufer des Glühwürmchensees. Keiner von beiden hatte es eilig, etwas zu sagen. Manchmal schien es, als würden die Glühwürmchen ihre kleinen Lichter genauso langsam durch die Abendluft tragen, wie Gedanken Zeit brauchen, bis sie sich zeigen.
Schließlich lächelte Solini. „Weißt du noch, wie wir früher dachten, der Wichtelwald wäre die ganze Welt?“ Solinu nickte nachdenklich. „Dabei fing unsere Welt gerade erst an.“ Sein Blick glitt über den See, in dem sich die ersten Sterne spiegelten. „Früher kannten wir jeden Baum und jeden Weg im Wichtelwald“, sagte er leise. „Heute kennen wir so viele Kinder. Mit jedem von ihnen ist unsere Welt ein kleines Stück größer geworden.“ Solini nickte. „Und jedes zeigt uns etwas Neues.“ „Nicht nur Lieblingsorte“, ergänzte Solinu. „Auch Ideen, Träume und Fragen, auf die ich allein niemals gekommen wäre.“ Eine Weile dachten beide darüber nach. Es war ein schöner Gedanke, dass jedes Kind etwas ganz Eigenes mitbrachte. Kein Abenteuer glich dem anderen. Keine Frage war wie die vorherige. Und genau deshalb fühlte sich jede Reise an wie der Anfang einer neuen Geschichte.
„Und jedes Kind ist anders“, sagte Solini schließlich. „Zum Glück“, antwortete Solinu lächelnd. „Stell dir mal vor, alle würden dieselben Fragen stellen.“ Solini lachte. „Dann wären wir bestimmt die ersten Augenblickswichtel, denen langweilig würde.“ „Das schaffen Kinder niemals“, sagte Solinu überzeugt.
Sie lächelten sich an und schwiegen wieder. Vor ihnen tanzten die Glühwürmchen über dem Wasser, als wollten sie die beiden daran erinnern, wie viele kleine Wunder sie schon gemeinsam entdecken durften.

der kleine brief mit der grossen frage
Das Wasser lag ruhig da, als würde es jedes Licht der Glühwürmchen behutsam bewahren. Über ihnen zogen die kleinen Lichter lautlos durch die Dämmerung und spiegelten sich auf der glatten Oberfläche des Sees. Solinu ließ seinen Blick durch die Abenddämmerung wandern und lächelte.
„Flo hat mir nicht nur den Glühwürmchensee gezeigt.“ Solini sah ihn neugierig an. „Bevor er nach Hause gegangen ist, blieb er noch einmal an der großen Wurzel dort drüben stehen. „Falls dir der Glühwürmchensee genauso gut gefällt wie mir“, hat er gesagt, „liegt dort noch etwas für dich.“ Behutsam griff Solinu in die Tasche seiner kleinen Wichteljacke und zog einen sorgfältig zusammengefalteten Brief hervor. „Dort habe ich ihn gefunden.“ Mit den Fingerspitzen strich er die kleinen Falten glatt, als wäre der Brief selbst ein kleiner Schatz. Dann öffnete er ihn und las leise vor: „Lieber Solinu, sind wir jetzt eigentlich ganz dicke Freunde fürs Leben?“ Mehr hatte Flo nicht geschrieben.
Nur diesen einen Satz. Eine ganze Weile schwiegen die beiden. Solinu betrachtete den kleinen Brief in seinen Händen, als könnte sich die Antwort irgendwo zwischen den Zeilen verstecken. Schließlich faltete er ihn wieder sorgfältig zusammen.
„Seit ich ihn gelesen habe, denke ich die ganze Zeit darüber nach.“ Er schaute zu Solini hinüber. „Das ist eine richtig große Frage.“ Einen Moment war nur das leise Summen der Glühwürmchen zu hören. Dann lächelte Solinu. „Sag mal, Solini … wir Augenblickswichtel sprechen so oft von Freundschaft.“ Er machte eine kleine Pause.
„Aber was ist Freundschaft eigentlich? Wie erklärt man sie richtig gut?“

Was Freundschaft bedeutet
Solini zog die Beine an und legte das Kinn auf die Knie. Eine ganze Weile beobachteten die beiden schweigend die Glühwürmchen. Manche schwebten so dicht über dem Wasser, dass ihre kleinen Lichter darin ein zweites Mal aufleuchteten. Es war, als würden selbst sie über Flos Frage nachdenken.
„Vielleicht“, sagte Solini schließlich, „ist Freundschaft einfach, dass man ganz viel Zeit miteinander verbringt.“ Solinu schüttelte langsam den Kopf. „Dann könnten wir mit den meisten Kindern gar nicht befreundet sein.“
„Stimmt“, sagte Solini lächelnd. „Das kann es also nicht sein.“ Wieder wurde es still. Irgendwo am anderen Ufer hüpfte ein Frosch ins Wasser. Kleine Kreise breiteten sich aus und verschwanden zwischen den Spiegelbildern der Glühwürmchen. „Vielleicht bedeutet Freundschaft, dass man dieselben Dinge mag“, überlegte Solinu. Solini musste lachen. „Du würdest am liebsten jeden Tag Pilze sammeln. Ich laufe viel lieber über Blumenwiesen.“ „Und Flo liebt Fußball. Bis heute verstehe ich nicht, warum alle immer hinter demselben Ball herrennen.“ „Und trotzdem magst du ihn.“ „Sehr sogar.“ Sie lächelten. Nach einer Weile sagte Solini: „Vielleicht ist Freundschaft, dass man sich immer einig ist.“
„Nein“, antwortete Solinu diesmal sofort. „Du findest Himbeeren viel leckerer als Erdbeeren.“ „Das stimmt.“ „Und trotzdem bist du meine allerbeste Freundin.“ Jetzt mussten beide lachen. So sehr, dass ihre kleinen Wichtelohren fröhlich auf und ab wackelten. Auf einmal schien es, als hätten die beiden einen verborgenen Wichtelschatz entdeckt.

Kaum hatte einer einen Gedanken ausgesprochen, fiel dem anderen schon der nächste ein. „Freundschaft ist, wenn man sich freut, den anderen wiederzusehen.“
„Wenn man etwas Schönes erlebt und sofort denkt: Das muss ich unbedingt erzählen!“
„Wenn einer traurig ist und der andere einfach dableibt.“ „Wenn man zusammen lacht.“ „Oder zusammen mutig wird.“ „Wenn man zuhört.“
„Wenn man Geheimnisse anvertraut.“
„Wenn man sich streitet und sich trotzdem wieder verträgt.“ „Wenn man sich entschuldigt.“
„Und verzeiht.“
„Wenn man dem anderen Glück wünscht.“
„Einfach so!“ „Wenn man sich gegenseitig hilft.“
„Wenn man den anderen vermisst.“
„Wenn man aneinander denkt, obwohl viele Wälder zwischen einem liegen.“ „Wenn man sich freut, dass es den anderen gibt.“ „Und wenn man weiß, dass man nie ganz allein ist.“
Die Gedanken sprudelten nur so aus ihnen heraus. Vor lauter Begeisterung wackelten ihre kleinen Wichtelohren hin und her, und zwischen jedem Lachen schien eine neue Antwort auf Flos große Frage zu wachsen. Ohne es zu merken, hatten sie etwas Wunderbares entdeckt. Freundschaft bestand aus vielen kleinen Augenblicken. Aus einem offenen Ohr, einem fröhlichen Lachen, einer helfenden Hand, gemeinsamem Mut und aus dem warmen Gefühl, dass jemand an einen denkt, selbst wenn viele Wälder, Wiesen oder sogar ganze Länder zwischen ihnen liegen. Jeder einzelne dieser Augenblicke war klein. Doch zusammen wurden sie zu etwas so Großem, dass sie einen festen Platz im Herzen fanden. Erst als den beiden keine neue Idee mehr einfiel, wurde es wieder still. Die Glühwürmchen tanzten noch immer über dem See, als hätten sie geduldig auf genau diesen Augenblick gewartet. Solini lächelte.
„Weißt du, was ich glaube?“ Solinu nickte. „Ich glaube, jetzt wissen wir, wie wir Flo antworten können.“

Die Antwort
Eine ganze Weile saßen Solini und Solinu einfach nur da. Der Glühwürmchensee war still geworden. Nur hin und wieder zog ein Glühwürmchen einen leuchtenden Bogen über das Wasser. Seine kleinen Lichter spiegelten sich auf der glatten Oberfläche, als würde der See jeden einzelnen Augenblick für einen Moment festhalten. Schließlich lächelte Solini.
„Ich glaube, Flo wartet schon auf unsere Antwort.“ Solinu nickte. Vorsichtig faltete er den kleinen Brief auseinander, drehte ihn um und holte seinen Wichtelstift aus der Jackentasche. „Dann schreiben wir sie gemeinsam.“
Eine Weile dachten beide noch nach. Obwohl sie eben noch so viele Gedanken gesammelt hatten, sollte jetzt jedes Wort genau das sagen, was sie fühlten. Dann begann Solinu zu schreiben, während Solini aufmerksam mitlas.
Lieber Flo,
ich habe lange über deine Frage nachgedacht. Meine beste Wichtelfreundin Solini hat mir zum Glück dabei geholfen.
Freundschaft lässt sich nämlich gar nicht mit einem einzigen Satz erklären. Sie beginnt jedes Mal, wenn man sich freut, dass es den anderen gibt. Wenn man zusammen lacht, sich gegenseitig Mut macht, aneinander denkt und sich wünscht, dass es dem anderen gut geht.
Und weißt du was? Dafür muss man nicht jeden Tag zusammen sein. Deshalb lautet meine Antwort: Ja. Wir sind Freunde.
Denn du wohnst in meinem Herzen.
Dein Augenblickswichtel Solinu

Als Solinu den Brief ein letztes Mal gelesen hatte, lächelten beide zufrieden. Behutsam legten sie ihn unter die große Wurzel am Ufer, genau dorthin, wo Flo seinen Brief für Solinu versteckt hatte. Danach machten sie sich auf den Heimweg. Manchmal gibt es Augenblicke, die keine Worte mehr brauchen.
Am nächsten Abend führte sie ihr erster Weg wieder zum Glühwürmchensee. Die beiden setzten sich auf ihren Baumstamm und warteten. Es dauerte nicht lange, bis zwischen den Bäumen Flo erschien. Langsam ging er zur großen Wurzel, kniete sich hin und hob vorsichtig den kleinen Brief auf. Noch bevor er ihn öffnete, lächelte er, als hätte er gehofft, genau dort etwas zu finden.
Während er las, wurde sein Lächeln immer größer. Als er den Brief zu Ende gelesen hatte, legte er eine Hand auf sein Herz.
„Danke“, flüsterte er.
Dann blickte er über den Glühwürmchensee.
„Bis bald, Solini und Solinu.“
Natürlich konnte Flo die beiden Augenblickswichtel nicht sehen. Aber manchmal braucht Freundschaft gar keine Augen, um zu sehen.
Solini und Solinu lächelten.
„Bis bald, Flo“, flüsterte Solinu.
„Bis bald“, sagte Solini leise.
Über ihnen stiegen die Glühwürmchen langsam in den Abendhimmel. Ihre kleinen Lichter tanzten über dem See und spiegelten sich im Wasser, bis niemand mehr sagen konnte, wo der Himmel endete und der Glühwürmchensee begann.